Seit einigen Jahren beobachten wir das regionale wie weltweite Wiedererstarken von Nationalismus, Rassismus, kriegerischer Intervention und eine Verrohung der politisch-öffentlichen Kommunikation. Die neue politische Großwetterlage hat auch die stärksten „Deskriptivisten“ der Community zweifeln lassen an der Solidität ihrer Trennung von ‚Wissenschaft‘ und ‚Politik‘. Das Interesse an Normativität, Moral und Ethik scheint dabei umso mehr zu wachsen, je eher man selbst zum Objekt eines pauschalisierten Antielitismus und einer allgemeinen Wissenschaftsskepsis wird.

Die Diskursforschung trägt eine Verantwortung für die Kultivierung öffentlicher Diskurse. Doch wie lässt sich eine gezielte Intervention, ein Eingreifen in gesellschaftliche Zeitgespräche normativ rechtfertigen, ohne in oberflächliches, selbstimmunisierendes Moralisieren oder in die Beliebigkeit politischer Parteislogans abzugleiten? Was kann ein transparenter, normativer Maßstab für die wissenschaftliche Bewertung sozialer und gesellschaftlicher Diskursverhältnisse sein? Diese Frage wurde selbst in engagierten Varianten der Diskursanalyse bislang nur am Rande diskutiert. Ihre Klärung ist notwendig verbunden mit der Frage nach konkreten Praktiken, Formen und Zielen der Diskursintervention: Welche effektiven Möglichkeiten gab und gibt es, aus dem Feld der Wissenschaft heraus bestehende (Re-)Produktionsverhältnisse gesellschaftlicher Wissens- und Handlungsmuster zu irritieren und zu verändern? Was lässt sich lernen aus inner- wie außerwissenschaftlichen Praktiken der „semiologischen Guerilla“ (Umberto Eco) und der strategischen Kommunikation?

Diese und ähnliche Fragen waren Gegenstand einer Tagung, die unser Forschungsteam Anfang des Jahres 2019 organisiert hat. Der erste Tag begann mit einem Rückblick bisheriger Ansätze für eine wissenschaftliche Diskurskritik und Formen der Diskursintervention bzw. Diskursguerilla: Welche Ansätze haben sich in der Vergangenheit als konsensfähig, praktikabel und effektiv erwiesen oder warum ggf. nicht oder nur eingeschränkt? Daran anschließend widmete sich der Nachmittag der Diskussion und gemeinsamen Entwicklung eines normativen Maßstabs der Diskurskritik und diskurslinguistischer Interventionen. Am zweiten Tag wurden praktische Möglichkeiten und Grenzen diskursintervenierender Aktivitäten auf Basis möglichst konkreter Projektskizzen vorgestellt und Ansätze zukünftiger Zusammenarbeit eruiert.

Eine Dokumentation der diskussionsintensiven Tagung – insb. die prägnanten Thesenpapiere der Beiträge – finden sich auf www.diskursintervention.diskursmonitor.de.