Zwischen Kapital und Kifferkultur: Der Diskurs um Cannabis im Licht von Bourdieus Feldtheorie

Wie lässt sich der gesellschaftliche Diskurs um Cannabis als Genussmittel mithilfe von Bourdieus Feldtheorie analysieren?

Ein Beitrag von Anna Fuhr

Wir blicken auf einen sich über die Jahre hinweg stark gebildeten Wandel der gesellschaftlichen Wahrnehmung des Konsums und Genusses von Cannabis. Was einst als streng tabuisiert sowie stigmatisiert und als Ausdruck von Rebellion galt, wird heute zunehmend entkriminalisiert. Es ist als eine Verschiebung der Akzeptanzbedingungen zu betrachten – eine Entwicklung, die sich lohnt unter die Lupe zu nehmen. Dazu bietet es sich an, die Feldtheorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu zur näheren Untersuchung  heranzuziehen, um diese Umstände besser nachvollziehen zu können.

Demnach soll sich der folgende Blogeintrag mit der Frage beschäftigen, ob und inwiefern sich der gesellschaftliche Diskurs um Cannabis als Genussmittel mithilfe Bourdieus Feldtheorie analysieren lässt.

Bourdieu greift in seiner Theorie den Begriff des „sozialen Raums“ auf. Darunter versteht er jedoch weniger ein physisches Konstrukt, sondern eher eine Art Struktur, welche von sozialen Positionen, die wiederum durch verschiedene Arten von Kapital bestimmt werden. Der Wandel des Cannabiskonsums kann exemplarisch zeigen, wie sich Distinktionsmerkmale im sozialen Raum verschieben: Während Cannabis früher vorwiegend in alternativen Milieus mit einer subkulturellen Abgrenzung konsumiert wurde, ist der Konsum heute in breiteren gesellschaftlichen Schichten verbreitet und verliert so seinen subversiven Charakter. Das Konsumieren von Cannabis wird heute mit Progressivität und Aufgeklärtheit verbunden. Früher noch als Kraut der Hippies und Gammler geltend, werden solche Bezeichnungen heute kaum mehr gebraucht und der Konsum und Genuss von Cannabis wird heute keinesfalls mehr auf nur solche Personengruppen begrenzt. So beschreibt die taz in einem Artikel anschaulich, dass „Cannabis […] sichtbar nicht mehr nur ein Thema für Reggae hörende Freizeitkiffer oder Menschen mit Schlafstörung [ist], sondern ein Business mit starken Aussichten auf Wachstum – und tritt auch dementsprechend auf“ (taz.de, [2024], [Andreas Hartmann]). Per se kann man jedoch trotz dieser Verbreitung und Zunahme der Akzeptanzbedingungen nicht von einer Entstigmatisierung sprechen, zutreffender wäre es davon zu sprechen, dass der Konsum neu codiert wurde.

Es lohnt sich aber auch Bourdieus Konzept von Kapitalformen auf den Diskurs anzuwenden, um die Reorganisierung des Felds zu verstehen. Jedes „Feld“ innerhalb des sozialen Raums ist von Akteuren besetzt, die unterschiedliches Kapital in ungleichen Mengen akkumulieren, darüber aushandeln und kämpfen. Wir unterscheiden hier zwischen 3 grundlegenden Kapitalformen: dazu gehört das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Während mit ökonomischem Kapital allgemeiner Besitz bzw. Vermögen gemeint ist, wird mit sozialem Kapital grundsätzlich der Besitz von sozialen Beziehungen einer Person beschrieben. Kulturelles Kapital bezeichnet im weitesten Sinne Bildung.  Wenn wir nun den Bezug zum Diskurs herstellen wollen, können wir in dem Sinne beispielsweise das kulturelle Kapital in Betracht ziehen. Anders als noch vor ein paar Jahren, stellt dieses heute eine Kapitalform dar, welche im Rahmen des Diskurses von zentraler Bedeutung ist: Es gibt eine Vielzahl an Sorten, verschiedenstes Zubehör und eine damit natürlich auch einhergehend hohe Nachfrage an Cannabis. Wissen über das Produkt – seien es Kenntnis über die perfekten Bedingungen für den Eigenanbau, die Sortenvielfalt oder den Konsum an sich wird nicht nur zunehmend erweitert, sondern auch öffentlich preisgegeben und geteilt. Diese Entwicklungen werden an vielen Stellen sichtbar: Zu sehen ist das beispielsweise im Rahmen von Ereignissen, wie der Cannabis-Fachmesse „Mary-Jane“ in Berlin, wo laut der Zeitschrift taz „die Leute […] sich nicht nur über Samen informieren würden, sondern bereits sehr gut wüssten, wonach sie suchen“ (taz.de, [2024], [Andreas Hartmann]). Auch in der Darstellung der Messe selbst, spiegelt sich die Relevanz spezifischen Wissens wider: „Die richtigen Lampen, der richtige Dünger – man kann den Anbau von Hanfpflanzen betreiben, als hätte man es hier mit einer Art Raketenwissenschaften zu tun“ (ebd.). Wir können also festhalten, dass kulturelles Kapital im Cannabisdiskurs insofern eine Verschiebung erfahren hat, dass Kenntnis in dem Gebiet innerhalb der Gesellschaft nicht mehr ungewöhnlich ist oder ausschließlich vereinzelt in bestimmten Kreisen und Gruppen vorkommt. Im Gegenteil – es wird sogar teilweise als wertvoll und differenzierend betrachtet. Auch wenn man den Wandel der Bedeutung von sozialem Kapital in Erwägung zieht, fallen über die Jahre Unterschiede auf: Heute gewinnt Cannabis und dessen Konsum immer mehr Popularität. Das Genussmittel gilt als exklusiv – es ist durch die Teillegalisierung nicht mehr schwer und vor allem nicht mehr illegal erwerbsbar. Mit anderen Worten: Cannabis ist kein Tabuthema mehr und der Umgang mit dem Konsummittel hebt sich nicht mehr allzu drastisch zu anderen Konsummitteln wie beispielsweise Alkohol ab. Cannabis zählte eine lange Zeit zu einer Art Genussmittel, welches (dadurch, dass es noch nicht legal war) nur begrenzt verfügbar und schwer zu beschaffen war. Die Möglichkeit Cannabis zu erwerben war ausschließlich möglich, wenn man gewisse „connections“ besaß. Mit anderen Worten kann man also davon sprechen, dass soziales Kapital in Form von sozialen Beziehungen (in diesem Kontext bspw. zu Mitkonsumierenden und Personen, die mit dem Rauschmittel dealen) früher noch wesentlich begrenzter und nur unter bestimmten Bedingungen vorhanden waren. Das Besitzen solcher „connections“ wurde zu dieser Zeit noch als etwas angesehen, das eher geheimer zu haltend und nicht öffentlich preiszugeben war. Inzwischen ist eine solche Vernetzung unter den Menschen durch die Enttabuisierung viel normalisierter und auch selbstverständlicher, was im Alltag gleichzeitig auch für eine erheblich offenere Kommunikation darüber sorgt. Gleichzeitig kam durch diese veränderten Umstände so aber auch eine  gewisse Entwertung derjenigen zustande, die sich zuvor mit dem Besitz solcher „guten connections“ auszeichneten und diesbezüglich „Ansehen“ genossen. Die Möglichkeiten solche Beziehungen herstellen zu können oder auch zu erweitern sind also nicht länger rar. Cannabis kann heute mehr denn je als Gegenstand sozialer Anschlussfähigkeit fungieren. Das „Feld“ wird also mit anderen Worten durchlässiger für Formen des sozialen Austauschs.

Man stolpert in Bourdieus Denkansatz auch oft über den Begriff der sogenannten „feinen Unterschiede“. Doch was meint der Soziologe damit und wie ist dies auf unseren Diskurs zu beziehen? Die „feinen Unterschiede“ beschreiben im Grunde genommen symbolische Formen von Distinktion. Mit diesen markieren Menschen ihre soziale Position im Raum der Klassen. Die feinen Unterschiede – also Distinktionsmerkmale schlagen sich im eigenen Geschmack in Form vom eigenen Lebensstil und persönlichen Präferenzen nieder. Dass dabei symbolische Macht in Gestalt von Privilegien (primär Bestimmungsrechte) und verhältnismäßig höheren Marktchancen von Akteuren mit Führungspositionen bzw. Akteuren aus höheren Ständen reproduziert werden, ist oft unscheinbar. Auch in unserer Domäne kommen solche Strukturen ans Licht: Beispielsweise beobachtet man Distinktionsmerkmale hinsichtlich der Abgrenzung zwischen der Nutzung verschiedener Arten/Sorten des Produktes an sich. Wer hier wie welche Sorte konsumiert, ist nicht reiner Zufall oder „individueller Geschmack“, sondern eine sozial geprägte Entscheidung, die jeder trifft, um seine eigene Zugehörigkeit kenntlich zu machen. Vor allem aber ist wichtig zu wissen, dass dieser „Geschmack“ vorbestimmt ist. Es ist dem Individuum so gesehen nicht überlassen, sogar über die belanglosesten Entscheidungen, die es im Alltag trifft, selber Macht zu haben. Bourdieu nennt dies „Habitus“ und meint damit eine Art Anlage, die sich als sozialisierter Bestandteil in einem jeden Menschen befindet und dessen Denk- und Verhaltensmuster bestimmt. Abhängig vom sozialen Umfeld,  in dem wir aufwachsen, prägt er unser  Verhalten stark – oft auf eine Weise, die uns kaum bewusst ist.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich mithilfe Bourdieus Feldtheorie im Diskurs um Cannabis als Genuss- und Konsummittel bestimmte Strukturen innerhalb dieses Zeitgespräches identifizieren lassen und darüber hinaus auch die Reorganisierung solcher Strukturen und Verhältnisse im „sozialen Raum“ nachvollziehbar gemacht werden können. Klar wird:  Der Konsum und Genuss von Cannabis ist nicht nur bloß reiner Substanzgebrauch, sondern macht darüber hinaus deutlich, wie sich feine Unterschiede durch die Verteilung verschiedener Kapitalformen strukturieren und hebt die Markierung von Distinktion sowie sozialer Positionierung hervor.