Ein Beitrag von Lena Langwald

Weintrinken ist mehr als Konsum. Es ist eine Handlung, die tief in sozialen Bedeutungszusammenhängen verwurzelt ist und als Ausdruck sozialer Positionierung verstanden werden kann. Wer über Wein spricht, spricht selten nur über Geschmack. Vielmehr offenbart sich in der Sprache über Wein , z.B. in Begriffen wie Tanninstruktur, Barrique-Ausbau, Terroir oder elegantes Finale, ein komplexes Zeichensystem, in dem Zugehörigkeit, Distinktion und kulturelles Kapital zum Ausdruck kommen. Genuss ist in diesem Feld keine persönliche, geschmacksbezogene Erfahrung, sondern ein gesellschaftlich reguliertes und durch habituelle Dispositionen strukturiertes Phänomen.

Im Rahmen des Studienprojekts wurde dieser Zusammenhang diskursanalytisch untersucht. Ausgangspunkt war ein selbst Korpus deutschsprachiger Online-Texte bzw. Werbetexte, aus redaktionellen Artikeln, Blog-Beiträgen, Kundenrezensionen und Postings auf Informationsportalen. Der Fokus lag auf sprachlichen und bildlichen Strategien, durch die bestimmte Weinsorten mit spezifischen sozialen Gruppen, Typen oder Lebensweisen assoziiert werden. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie Weintrinken zur Form der Distinktion wird, wie sich soziale Zugehörigkeit über Konsumstile äußert und wie Genuss durch Sprache soziale Relevanz erlangt. Die theoretische Grundlage dieser Analyse liefert Pierre Bourdieus Konzept des Habitus und der symbolischen Distinktion. Für Bourdieu ist Geschmack nicht Ausdruck individuellen Geschmacks oder Präferenzen, sondern eine gesellschaftlich erzeugte und durch soziale Herkunft strukturierte Disposition. Der Habitus formt Wahrnehmung, Urteil und Handlung. Der Geschmack wiederum wird zu etwas, durch das soziale Zugehörigkeit  signalisiert und kulturelles Kapital demonstriert wird. Laut Bourdieu ist Genuss stets auch eine Handlung, mit der sich Menschen in einem sozialen Raum verorten und voneinander abgrenzen. Bereits ein erster Blick auf das untersuchte Korpus verdeutlicht die soziale Aufladung bestimmter Weinsorten. Rotwein etwa wird durchgängig in einem Vokabular beschrieben, das tief im Feld des kulturellen Wissens verankert ist. Formulierungen wie vielschichtiger Körper, reife Tannine, burgundische Finesse oder Holzausbau tauchen in Artikeln und Weinbeschreibungen gleichermaßen auf. Diejenigen, die solche Begriffe verstehen und angemessen verwenden können, gelten als Kenner:innen. Die Fähigkeit, Wein geschmacklich zu differenzieren und einzuordnen, dient nicht allein dem Genuss, sondern wirkt als Ausdruck legitimen Geschmacks, der laut Bourdieu hoch angesehene soziale Positionen  markiert und legitimiert. So etwa in einem Beitrag auf Falstaff.de, wo ein Pinot Noir beschrieben wird als feingliedriger Vertreter der Burgundertradition mit filigraner Fruchtkomposition und eleganter Mineralik. Diese Art der Sprache ist nicht alltagstauglich, sondern ausgewählt. Je edler der Wein, desto mehr Sorgfalt wird bei der (sprachlichen) Form aufgewandt Sie richtet sich an ein Publikum, das mit dieser Fachsemantik vertraut ist, das weiß, was sie bedeutet, und das sich in der Lage sieht, diese Bedeutung in kulturelles Kapital zu wandeln. Rotweintrinken wird hier zu einem performativen Akt kultureller Kompetenz: Wer sich in dieser Sprache artikulieren kann, betritt ein symbolisches Feld des legitimen Genusses. Rotwein ist damit nicht nur ein Getränk, sondern ein Medium habitueller Selbstvergewisserung.

Demgegenüber zeigt sich bei Weißwein ein anderes Muster: Die Sprache ist zugänglicher, alltagstauglicher und emotionaler. Hier dominieren Begriffe wie frisch, spritzig, leicht zu trinken, ergänzt durch situative Rahmungen wie perfekt zum Feierabend oder ideal zur leichten Sommerküche. In Texten von Supermärkten wie REWE wird Weißwein als Alltagsbegleiter inszeniert. Auch die visuelle Darstellung zeigt dies z.B. durch Bilder von Freund:innen auf Terrassen, bei Grillabenden, beim Picknick. Weißwein wird nicht mit exklusivem Wissen, sondern mit sozialer Offenheit und kommunikativem Genuss verbunden. Der zugrundeliegende Habitus ist nicht bildungsfern, aber weniger abgrenzend. Er setzt auf Teilhabe. Genuss wird hier als soziale Praxis verstanden und weniger als Ausdruck kultureller Überlegenheit.

Eine spezifischere Codierung zeigt sich bei Roséwein. Dieser ist im untersuchten Material stark mit Weiblichkeit, Emotionalität und Lifestyle verbunden. Auf Werbeseiten, in Social-Media Posts oder Influencer:innen-Beiträgen stößt man auf Begriffe wie zart, fruchtig, verführerisch, oft begleitet von Rahmungen wie Dein Lieblingsrosé für den perfekten Mädelsabend. Die visuelle Sprache bedient sich an Pastellfarben, Sonnenuntergänge, Gläser in der Hand von Frauen, häufig kombiniert mit Accessoires wie Hüten, Blumen oder sommerlicher Kleidung. Roséwein wird hier nicht über Tiefe oder Terroir definiert, sondern über stereotypisch weibliche Inszenierung und Emotionalität. Diese Form des Genusses ist performativ und in ihrer Ästhetik klar geschlechtlich codiert. Doch auch hier greifen distinktive Mechanismen. Die ironische Brechung (etwa in Memes oder Hashtags wie #DrinkPink) schützt die Trinker:innen vor Abwertung und positioniert sie gleichzeitig als bewusst konsumierende Diskursteilnehmer:innen, die sich der ästhetischen Regeln ihres Genusses bewusst sind.

Besonders interessant ist schließlich die Positionierung von Naturwein. Dieser wird in den Texten nicht als Geschmackserlebnis, sondern als ethisches Statement beschrieben. Begriffe wie ungefiltert, spontanvergoren, authentisch, ehrlich oder ursprünglich dominieren die Beschreibung. Die Trinker:innen von Naturwein präsentieren sich nicht nur als genussfähig, sondern als moralisch überlegen. Sie wählen nicht einfach einen Wein, sondern sie entscheiden sich für ein Weltbild . Naturwein ist bewusst gewählt. In Blogs wird deutlich gemacht, dass dieser Wein kein Mainstreamprodukt ist, sondern  das Ergebnis handwerklicher und ökologischer Ideale. Er wird zum Symbol eines bewussten und auch akademischen Habitus, der sich von der Masse abhebt. Aber nicht durch Luxus, sondern durch Reduktion. Die Distinktion geschieht hier durch Verzicht. Dies ist eine Umkehrung traditioneller Konsummuster, zielt jedoch ebenso auf soziale Differenzierung ab.

In der Summe zeigt sich also, dass jede Weinsorte nicht nur geschmacklich differenziert, sondern auch sozial symbolisch aufgeladen ist. Rotwein verkörpert kulturelle Tiefe und Urteilskraft, Weißwein Geselligkeit und Situationsorientierung, Roséwein emotionalisierte Ästhetik und feminisierte Lifestyle, Naturwein moralische Distinktion und ökologischen Habitus. Diese Zuschreibungen sind Marker sozialer Milieus, kultureller Zugehörigkeit und symbolischer Kämpfe um Legitimität. Es zeigt sich, dass Genuss kein neutrales, universelles Phänomen ist. Genuss wird diskursiv produziert, sozial strukturiert und gewertet. Wer Wein genießt, kommuniziert seine soziale Verortung bzw. ,,Klassenzugehörigkeit“, sein kulturelles Kapital und seine habituellen Dispositionen. Die Wahl des Weins, die Art der Beschreibung, die visuelle Inszenierung – all das fungiert als soziale Abgrenzung. Die diskursanalytische Untersuchung des Weingenusses zeigt also nicht nur die kulturellen Feinheiten eines scheinbar alltäglichen Themas, sondern auch die tieferliegenden Mechanismen sozialer Ordnung und Macht. Wer Wein versteht, im Sinne des Diskurses, versteht auch etwas über die Gesellschaft, in der dieser Genuss legitim und bedeutungsvoll wird.