Cannabis und Moral(isierung)

Ein Beitrag von Lilli Schmöning, Anna Fuhr und Nele Homrighausen

Die moralische Bewertung stellt in allen möglichen Diskursen einen festen Bestandteil dar und bietet einen großen Spielraum für verschiedenste Argumentationen und Meinungsäußerungen. Dabei fällt die Moralbewertung aus unterschiedlichsten Perspektiven innerhalb des Diskurses stets anders aus. Auch in der höchst umstrittenen Debatte hinsichtlich des Cannabiskonsums, die in der Teillegalisierung gipfelte, gibt es von allen Seiten eine Vielzahl an moralischen Bewertungen. Genau diese werden im folgenden Beitrag vor dem Hintergrund medialer Berichterstattung, von primär konservativen und liberalen Medienschaffenden, näher betrachtet.

„Authentizität“ – ein Schein von Echtheit

Um die moralische Bewertung einordnen zu können, ist es wichtig, zu wissen, welche Arten von diskursiven Autoritäten zu finden sind. Auf der konservativen Seite kommen selten klar zu definierende Autoritätspersonen vor. In den Fällen, in denen Sie doch vertreten sind, handelt es sich zumeist um medizinisches Fachpersonal, insbesondere Apotheker, oder juristische Experten.

Auf der liberalen Seite kommen vor allem politische Akteure wie beispielsweise der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach oder auch der Stellvertreter der Partei „Die Linke“ vor. Aber auch Repräsentanten verschiedener Verbände, die sich für die Legalisierung von Cannabis einsetzen, spielen eine zentrale Rolle, zum Beispiel der Hanfverband.  Eine Personengruppe, die zwar keinen Autoritätsstatus besitzt, trotz dessen aber nicht zu vergessende Mitwirkende in diesem Zeitgespräch sind, sind die Cannabiskonsumierenden selbst. Galten sie vor der Teillegalisierung noch als verhältnismäßig zurückhaltende Partizipierende, entwickeln sie sich innerhalb des Diskurses zu einer immer deutlich werdenden Stimme und nehmen eine zunehmend signifikantere Rolle ein.

Im konservativen Teil des Diskurses spielt Moral eine zentrale Rolle, dabei häufig als Mittel der Abgrenzung. Cannabis steht dort oft für den ‚geistigen Verfall‘. Besonders moralisch und emotional aufgeladen ist die Debatte, wenn es um das Thema Jugendschutz geht. Häufig wird in den konservativen Medien vor den sozialen und gesundheitlichen Folgen durch Cannabisgenuss in jungen Jahren gewarnt. Ein extremes Beispiel hierfür findet sich im Schweizer Magazin Cicero in einem Artikel mit dem Namen „Kiffen schrumpft das Gehirn“. Dort wird beschrieben, wie der Psychiater Rainer Matthias Holm-Hadulla den psychischen und physischen Verfall von Bekannten beschreibt. Er verwendet dabei Wörter wie „isoliert“ und „apathisch“. Diese Beschreibungen des studierten Psychiaters basieren nicht auf wissenschaftlicher Evidenz, sondern auf persönlichen Beobachtungen, die wegen ihrer emotionalen Wirkung bei der moralischen Bewertung herangezogen werden.

Auffällig ist, dass klassische Fachautoritäten im Diskurs kaum auftreten. Stattdessen wird mit kulturell etablierten Moralvorstellungen gearbeitet, beispielsweise: Wer kifft, gilt schnell als ‚unreif‘ oder ‚gesetzesfern‘. Das Magazin Cicero schreibt in einem Gastbeitrag aus dem März 2025 über Konsumierende, dass der Konsum zu Leistungsunwilligkeit und „schlechten Lebenswegen“ führen kann. Diese Form von Moralisierung ersetzt oft eine differenzierte Auseinandersetzung mit den realen sozialen und gesundheitlichen Folgen des Konsums. So wird Cannabis nicht als Genussmittel diskutiert, sondern als gesellschaftliches Problem.

Um sich eine Meinung zur Cannabis-Thematik zu bilden, können besonders Pro- und Contra-Listen helfen, die vielfach im Internet zu finden sind. Hierbei werden Sichtweisen möglichst neutral angeführt und gegenübergestellt, jedoch zeichnet sich auch hier eine deutliche moralische Wertung ab. In den Vordergrund rückt vor allem das Thema Jugendschutz. Gegner der Cannabis-Bewegung kritisieren häufig, dass die gesundheitlichen Schäden, die der Konsum verursachen könnte, gerade bei jungen Menschen unter 25 immens unterschätzt würden und der käufliche Erwerb einer solchen Droge dementsprechend weder legitimiert noch legalisiert werden sollte. Eine potenzielle Enttabuisierung oder Teillegalisierung führe dazu, dass Minderjährige trotz Kauf- und Handelsverbots dennoch in Berührung mit der Droge kommen und als Folge irreversible Entwicklungsbeeinträchtigungen oder Suchtverhalten entwickeln könnten. Der Appell an die Moral gilt hierbei völlig dem Aspekt der Erhaltung des Wohlergehens und des Schutzes der jugendlichen Bevölkerung. Unter genau diesem Gesichtspunkt ordnen sich jedoch, wenn auch selten, Pro-Argumente ein, die für eine bessere Aufklärung und Suchtprävention stehen, durch eine Enttabuisierung und Entstigmatisierung. 

Eng geknüpft an die Debatte um Suchterkrankung und mögliche Präventionsmaßnahmen finden auch wirtschaftlich geprägte Argumente ihren Weg in den moralischen Diskurs. Hier wird häufig die Frage gestellt, ob die Steuereinnahmen, die legalisiertes Cannabis einbringen könnte, es wert seien, einen „Drogenboom“ und damit einhergehend auch einen Anstieg der Suchterkrankten zu riskieren. Als Argument für Cannabis wird jedoch angeführt, dass die Einnahmen vielen Menschen langfristig auf gesundheitlicher Ebene, beispielsweise in der Suchthilfe, zugutekommen könnten. Auch die erfolgreiche Nutzung von Cannabis als Therapiemittel spielt hierbei eine Rolle. Gegner und Befürworter der „Kiffer“-Bewegung hinterfragen häufig die medizinische Einordnung von legitimen und illegitimen Patienten. Die Frage „Wer ist wirklich krank, sodass er ein Recht auf den Konsum hat, und wer hat nur die finanziellen Mittel ohne legitimen Bedarf?“ “ rückt die medizinischen Therapiemöglichkeiten somit in einen moralisch aufgeladenen Kontext.

Die moralische Bewertung von Cannabis ist in den linken Medien insbesondere hinsichtlich des Konsumverhaltens zu finden. Hier wird oft die Frage gestellt, warum es in unserer Gesellschaft als legitim betrachtet wird, den legalen Konsum von Alkohol, welcher als das härteste Drogengift gilt, zu normalisieren, während Cannabis und dessen Gebrauch immer noch mit Verantwortungslosigkeit und Sittenverfall assoziiert werden. Wieso ist heute, teilweise sogar schon im jungen Alter, der so standardisierte Alkoholmissbrauch moralisch scheinbar vertretbarer und wird in der Drogenpolitik regelrecht unter den Tisch gefegt? Mit dieser Frage eröffnen linke Medien gleichzeitig also auch einen Moraldiskurs. Obwohl der Genuss von Cannabis von seiner pharmakologischen Wirkung her nachweislich genauso bewusstseinserweiternd wirkt wie zum Beispiel das Trinken von Rotwein, ist innerhalb der Gesellschaft jedoch eine deutlich andere moralische Bewertung zu beobachten. Es wird oft als „Folklore“ abgestempelt, wenn Alkohol getrunken wird, oft ist die Rede vom „Elixier der Freude“. Wer auf die Problematik des Konsums von Alkohol als Alltagsdroge hinweist, wird häufig verlacht, oft fällt das wertende Wort „linksgrünversifft“. Oftmals typisch für viele linke Medienbeiträge ist auch hinsichtlich dieser moralischen Debatte an vielen Stellen ein ironischer Unterton zu beobachten. Oft zielt die Argumentation (besonders bei der Gegenüberstellung von Cannabis und Alkohol) auf einen mehr humorvoll wirkenden Stil ab, während die moralische Bewertung in konservativen Medien durchweg mit Seriosität gekennzeichnet ist. Besonders auffallend dabei ist auch die Verwendung von Umgangssprache und Hyperbeln in der stilistischen Gestaltung linker Medienberichte. Ein Beispiel dafür liefert beispielsweise ein SPIEGEL-Artikel, in dem es heißt: „Wenn der jugendliche Haschischraucher aus Lust am Verbotenen kifft: Warum saufen dann sein Vater Weizenbier und seine Mutter Prosecco? Schaudernd weichen wir zurück: Es sind, wie uns gelehrt wurde, die unschuldige Freude an der Geselligkeit, das kulturelle Vergnügen am Reinheitsgebot sowie die musikalische Verbundenheit mit dem schottischen Single-Malt-Hochland, die den austherapierten Modernen zum alkoholischen Leckermäulchen machen.“ (SPIEGEL Online, 2021).  Dieses Beispiel illustriert diese besagte ironische Infragestellung gesellschaftlich akzeptierter Drogenkultur und konterkariert auf satirische Weise die moralisch aufgeladene Ablehnung des Konsums von Cannabis.  Moralische Bewertung des Konsums ist in linken Medienberichtserstattungen aber auch in einer anderen Hinsicht zu beobachten: Hinsichtlich der Debatte um den Konsum von medizinischem Cannabis ergibt sich im Diskurs an vielen Stellen die Unterscheidung von „legitimen“ vs. „illegitimen“ Nutzern.  Dementsprechend kommen moralisch fundierte Fragen auf: „Wer ‚darf‘ eigentlich medizinisches Cannabis in Anspruch nehmen?“ und „Wer ist ‚wirklich krank‘ oder ‚krank genug‘, sodass er das Recht auf Konsum überhaupt hat?“ “  Ein besonders prägnantes Beispiel für diese Form der moralischen Grenzziehung liefert beispielsweise ein Beitrag aus der linken Wochenzeitung „jungle.world“, in dem es heißt: „Das lässt sich auch an der Medizinalisierung des Diskurses über Cannabis ablesen. Denn auch dabei bleibt der Zirkel von Strafen und Leiden ungebrochen. Wurde bisher das Leiden des Drogenkonsumenten wesentlich durch Repression und Strafe erzwungen, so wird nun nachweisbares Leiden zur Voraussetzung, um legal an Cannabis zu gelangen. Im Kern besteht die hier wirksame pathische Projektion darin, dass es so etwas wie Glück ohne Leiden und Genuss ohne Reue nicht geben kann und darf.“ (jungle.world, 2014) Hier wird also veranschaulicht, wie auch in scheinbar liberaleren Regierungsformen – etwa der medizinischen Freigabe – eine moralische Bewertung bestehen bleibt.

 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass gerade die Gegner der Cannabis-Legitimierung versuchen, anhand ihrer Argumente eine moralische Wertung in den Diskurs zu bringen, wobei man inhaltlich deutliche Überschneidungen mit der eher konservativ eingeordneten medialen Berichterstattung erkennen kann. Liberale Medien, als primär Cannabis-Befürworter, hingegen berufen sich eher auf den moralischen Diskurs von Rauschmitteln als Gesamtkollektiv und hinterfragen dahingehend auch die Normalisierung von Alltagsdrogen, wie beispielsweise Alkohol. Cannabis als Genussmittel wird dabei weniger moralisch befürwortet, sondern lediglich mit Alkohol oder auch Nikotin gleichgesetzt.