Cannabis als Kontroverse: Wie Medien mit Argumenten überzeugen wollen
Ein Beitrag von Nele Homringhausen
Der Diskurs rund um das Thema Cannabis als Rausch- und Genussmittel bietet einen immensen Interpretationsspielraum und Platz für Meinungen jeglicher Akteure. Um die eigenen Aussagen zu stützen und möglichst überzeugend zu klingen, erfordert es strategisch platzierte Argumentationen, welche mit Topoi ausgebaut werden können.
Nicht nur unter dem Beobachtungsgegenstand der Moral kristallisiert sich der Jugendschutz als prägnantes Thema heraus, auch auf der Diskussionsebene findet bei diesem Thema der meiste argumentative Austausch statt.
Ein stellvertretendes Beispiel dafür ist die Relevanz von neuen Studien zur Gehirnentwicklung unter dem Einfluss von Cannabis. Unter dem allgemein anwendbaren Topos des Jugendschutzes argumentiert der Suchtmediziner Gerik Hermann in dem Magazin Cicero am 20.02.2024, dass sich „das Image von Cannabis als Jugenddroge unbedingt ändern“ müsse, da sonst durch leichtsinniges Konsumieren dauerhafte Hirnveränderungen bei Minderjährigen auftreten könnten. Um diesen Topos in eine kurze und individuell deutende Paraphrase nach Martin Wengeler umzuwandeln, könnte man dementsprechend sagen: „Wenn X passiert, stellt es eine Gefahr für die Jugend dar.“
Den wohl möglichst explizitesten Argumentationsspielraum in dem Teildiskurs „Cannabis als Genussmittel“ bieten sogenannte Laien-Foren, wie beispielsweise Reddit. Durch die Kommentarfunktion ist es jeder, auf der Plattform registrierten, Person erlaubt, auf Beiträge zu reagieren und in den Kommentaren seine Meinung kundzugeben. Besonders seit der Teillegalisierung im April 2024 gehen User vermehrt in den offenen Austausch über den Konsum sowie auch den Genuss von Cannabis aus verschiedenen Beweggründen, wobei man zunehmend erkennen kann, wie breit verteilt Marihuana bereits in den Bevölkerungsschichten zu finden ist. Konsumenten werden zunehmend weniger stigmatisiert und verurteilt, sondern bieten Nicht-Konsumenten eine nützliche Bandbreite an Wissen und Erfahrungen.
Die mediale Berichterstattung, egal ob politisch oder aufklärend motiviert, bietet dagegen eher nur einen impliziten Platz für Argumentationen und direkten Austausch. Im Hinblick auf zum Beispiel Zeitungsartikel wird eher auf einen Frage-Antwort-Charakter gesetzt, wobei ein argumentativer Austausch nur zeitverzögert und mit einem eigens verfassten Artikel möglich ist. Jedoch zeichnet sich auch hier ein feiner Unterschied in der Auswahl der Topoi zwischen liberalen und konservativen Medien ab. Der Topos des Jugendschutzes findet so gut wie immer in konservativer Berichterstattung seinen Platz, während politisch links zugeordnete Medien mit dem Topos der Aufklärung und Prävention argumentieren, um ihre Rezipienten zu überzeugen.
Um ein Beispiel für den Topos des Jugendschutzes aus konservativer Sicht zu finden, reicht es, einen Blick in die Online-Beiträge der Bild zu werfen. In einem Artikel namens „SPD-Aufstand gegen das Cannabis-Gesetz“ beziehen Sie sich in einem ganzen Absatz auf kritische Stimmen aus der Politik, die argumentieren, dass der Konsum auf öffentlichen Straßen und in den, zum Jugendschutz errichteten, Verbotszonen nahezu unkontrollierbar sei und Cannabis so von Kindern und Jugendlichen hautnah „erlebbar“ sei. Beendet wird der Artikel mit einem Zitat der CDU-Abgeordneten Melanie Bernstein, die sagt: „Als Mutter von zwei Kindern kann ich keinem Gesetz zustimmen, das dem Kinder- und Jugendschutz so klar entgegensteht!“ (siehe https://m.bild.de/politik/inland/politik-inland/lauterbach-bekommt-gegenwind-aus-eigener-partei-spd-aufstand-gegen-cannabis-gese-87225370.bildMobile.html).
Ein Beispiel für die Verwendung des Topos der Aufklärung und Prävention, wie man ihn in liberalen Medien häufiger findet, ist die Forderung nach der Förderung von Suchthilfestellen und Anti-Drogen-Kampagnen sowie der finanzielle oder personalbezogene Ausbau von Drogenberatungsstellen (siehe https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/gesundheit-cannabis-praevention-legalisierung-1.6006379). Eine konkretere Forderung äußert die Psychotherapeutin Sabine Ahrens-Eipper. Laut ihr müsse die Aufklärung bereits im Grundschulalter, circa in der dritten Klasse, erfolgen, damit das Gelernte frühzeitig in den Köpfen verankert bleibt und dementsprechend auch erfolgreich präventiv – vor dem regelmäßigen Kontakt mit der Droge – wirkt (siehe https://www.rnd.de/medien/lauterbach-und-blume-ueber-cannabis-legalisierung-debatte-bei-hart-aber-fair-34LQI6FRGBAMNNSMYKMYZIEY4U.html).
Da die medizinische Perspektive einen weiteren wichtigen Teil des Diskurses darstellt, sollte man auch hier die präsentesten Topoi nicht außer Acht lassen. Konkret wird meist der Opfer-Topos in Kombination mit dem medizinischer-Nutzen-Topos herangezogen, welche sich auf primär gesundheitlich benachteiligte Menschen beziehen, die von der medizinischen Anwendung der Droge Gebrauch machen.
Ein Beispiel für die Verwendung dieser Topoi als Argument gegen die Legalisierung findet man unter anderem in einem Online-Beitrag der Welt.de (siehe https://www.welt.de/politik/deutschland/article252926412/Cannabis-Legalisierung-Wie-Freizeit-Kiffer-die-Versorgung-fuer-chronisch-Kranke-gefaehrden.html). In diesem wird berichtet, dass wirklich Bedürftige noch mehr als zuvor stigmatisiert werden, da es aufgrund der Teillegalisierung nun viel einfacher sei, an normale Verschreibungen ranzukommen und so einen legitimen medizinischen Konsum vorzutäuschen als noch vor dem 01.04.2024. Denn damals musste man verschiedene Ärzte besuchen und deren Meinungen und Gutachten einholen, bevor das Betäubungsmittelrezept dokumentiert und persönlich ausgestellt wurde. Heute reicht ein Online-Fragebogen bei lediglich einem Facharzt und als Abschluss ein paar Klicks auf den Internetseiten verschiedener Versandapotheken oder Start-up-Firmen. Des Weiteren sorgt die Teillegalisierung für Lieferengpässe auf dem medizinischen Markt, da dieser jetzt mehr Menschen gleichzeitig abdecken muss und somit gerade die Patienten benachteiligt, die regelmäßig und sofort auf ihre verschriebene Menge angewiesen sind.
Medien, die sich mit der Erstellung von Pro- und Contra-Listen beschäftigen, ziehen zumeist ihre Argumente von jeglichen Beiträgen mit eindeutiger Meinungsbildung, was dazu führt, dass auch deren Topoi weitgehend übernommen werden. Somit finden sich die Topoi Jugendschutz, Opfer und Aufklärung/Prävention auch dort häufig wieder.
Als abschließendes Fazit lässt sich festhalten, dass der Cannabis-Diskurs durch seinen brisanten Diskussionscharakter viel Raum für Argumentationen bietet, wobei sich Medien mit der Anwendung verschiedener Topoi zum Ziel setzen, andersdenkende oder unschlüssige Menschen zu überzeugen. Konservativ zugeordnete Medien fokussieren sich häufig auf den Topos des Jugendschutzes, während die liberalen Berichterstattenden eher den Topos der Aufklärung nutzen. Aus einer medizinischen Perspektive spielen der Opfer-Topos und der medizinischer-Nutzen-Topos eine Hauptrolle. Eine Art der medialen Berichterstattung, die alle Topoi verbindet, findet man bei Artikeln, die sich exklusiv auf die Gegenüberstellung beider Ansichtsweisen beziehen.