Zeitgeist im Glossar?

– Interdisziplinäre Zugänge und zeitdiagnostische Einordnung zum öffentlichen Sprachgebrauch nach der Jahrtausendwende

 

Workshop, 22.-23.01.2026

Ort: IDS Mannheim, R5 6-13, 68161 Mannheim, Vortragssaal

Kontakt: Friedemann Vogel, friedemann.vogel@uni-siegen.de

Lokale Organisation: Mark Dang-Anh und Stefan Scholl (IDS)

Um vorherige Anmeldung möglichst bis 10.01.2026 wird gebeten.

Das Programm und den Ablauf finden Sie hier: Workshop_Zeitgeist-im-Glossar_Programm

Sprache ist das Tor zur Welt (Felder 2009) – das gilt nicht nur für die frühkindliche Sozialisation, sondern generell für jedes menschliche Wesen, das sich die soziale Welt neben eigenen Primärerfahrungen vor allem über den kommunikativen Austausch mit Familienmitgliedern, Peergroups, Bildungsinstitutionen und Medienkonsum erschließt. In medienvermittelten Massendemokratien strukturiert der öffentliche Sprachgebrauch die soziale Wirklichkeit von Individuen und Gruppen, macht sie wechselseitig identifizierbar, prägt Wahrheitsannahmen und Lebensentwürfe, eröffnet Handlungsräume und markiert zugleich Sagbarkeitsgrenzen.

Gerade in den gegenwärtigen Krisen – von der Wirtschafts- über die Covid-Pandemie- bis hin zu kriegsgeprägten Diskursen – wurde und wird dies auch für fachliche Laien (zuweilen leidvoll) deutlich und wiederholt thematisiert. Die wissenschaftliche Beobachtung, Analyse und Dokumentation öffentlichen bzw. gruppenbezogenen Sprachgebrauchs verfolgt dabei in vielen Fällen nicht allein ein sprachhistorisches oder sprachsystematisches Erkenntnisinteresse. Vielmehr eröffnet die datengestützte Erfassung, Beschreibung und Kommentierung ausgewählter Wörter und Phrasen den Zugang zu kollektiven Denkmustern, zu gruppen- und gesellschaftsspezifischen Weltanschauungen und Mentalitäten (Hermanns 1995). Weltweit bekannt geworden sind so zum Beispiel die Notizen zur Sprache der Nationalsozialisten von Viktor Klemperer (LTI 1947) oder das „Wörterbuch des Unmenschen“ (1957) von Dolf Sternberger, Wilhelm Süskind und Gerhard Storz. Seit den 1970er Jahren hat sich unter diesem Blickwinkel in verschiedenen Disziplinen ein breites Forschungsfeld entwickelt, insbesondere in Sprach- und Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Diskursforschung, Soziologie und Politikwissenschaft. Die Ergebnisse der Einzelprojekte wurden und werden dabei regelmäßig in Form von Wörterbüchern oder in Form von Glossaren und Nachschlagewerken publiziert, die sich teilweise an die Fachcommunity wenden, in aller Regel aber auch oder sogar besonders – und dann meist in essayistischem Stil – die interessierte Öffentlichkeit adressieren. Regelmäßig finden diese Publikationen dann auch weitläufige Beachtung im Feuilleton von Presse und Rundfunk.

In der jüngeren Vergangenheit hat das Genre der analytischen und kommentierenden Wort- bzw. Begriffsverzeichnisse (Glossare) zu öffentlichem bzw. gruppenbezogenen Sprachgebrauch einen erheblichen Produktivitätszuwachs erfahren. Zahlreiche Neupublikationen mit fachlichem oder publizistischem Hintergrund, zudem in immer neuen Disziplinen und auch aus ungewohnten politischen Richtungen (wie das im neurechten Verlag Antaios erschienene Glossar von Kleine-Hartlage 2015) sind erschienen. Aus dieser Beobachtung heraus stellen sich die folgenden Fragen:

1. Was motiviert die (zunehmende Anzahl der) Entstehung der gruppen- und gesellschaftsdiagnostischen Begriffsinventare in den verschiedenen Disziplinen und Domänen, auf welche gesellschaftliche Herausforderungen reagieren sie und versuchen Orientierung zu stiften?
2. Wie werden die verschiedenen Inventare bei Fachpublikum, Verlagen und interessierter Öffentlichkeit aufgenommen?
3. Welche methodologischen Prämissen, analytischen Verfahren und Zielsetzungen verfolgen die verschiedenen Inventarisierungen öffentlichen Sprachgebrauchs?

Diese Fragen sind nicht nur von fachlichem, interdisziplinärem Interesse, sie haben auch unmittelbare Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Diskurse: halten die Sprach- und Begriffsanalysen, was sie versprechen? Wo und wie schaffen sie sinnstiftende Orientierungsangebote im semantischen Kampf um Deutungshoheit? Wo schaffen sie gar Sprachge- und verbote, ziehen Grenzen zwischen legitimen und illegitimen Diskurspraktiken – und wie kann/muss sich Wissenschaft dazu verhalten, um in Zeiten kriseninduzierter Polarisierung den demokratischen Debattenraum zu kultivieren (vgl. dazu Vogel/Deus (Hg.) 2019)?

Über diese und ähnliche Fragen wollen wir uns auf einem Workshop im Frühjahr 2026 austauschen.

Anhang: Auswahlliste an zeitdiagnostischen Begriffsglossaren seit 2000

Bennett, Tony et al., Hrsg. (2005): New Keywords. A Revised Vocabulary of Culture and Society. Malden:

Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann & Thomas Lemke, Hrsg. (2004): Glossar der Gegenwart. Frankfurt/M.: Suhrkamp

Bröckling, Ulrich, Susanne Krasmann & Thomas Lemke, Hrsg. (2024): Glossar der Gegenwart 2.0. Berlin: Suhrkamp.

Dzierzbicka, Agnieszka & Alfred Schirlbauer, Hrsg. (2006): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Wien: Löcker.

Finkas, Jahn (2022): Kleines Pandemisches Glossar. Versuch einer Aufarbeitung. E-book.

Hasse, Jürgen & Schreiber, Verena, Hrsg. (2019): Räume der Kindheit. Ein Glossar. Bielefeld: transcript.

Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg. (2020): Stichworte zur Zeit. Ein Glossar. Bielefeld: transcript.

Kleine-Hartlage, Manfred (2015): Die Sprache der BRD. 131 Unwörter und ihre politische Bedeutung. Schnellroda: Antaios.

Leendertz, Ariane & Meteling, Wencke, Hrsg. (2016): Die neue Wirklichkeit. Semantische Neuvermessungen und Politik seit den 1970er Jahren. Frankfurt/M., New York: Campus.

Lessenich, Stephan, Hrsg. (2003): Wohlfahrtsstaatliche Grundbegriffe. Frankfurt/M.: Campus.

Marquardt, Nadine & Schreiber, Verna, Hrsg. (2014): Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. Bielefeld: transcript.

MacCabe, Colin & Yanacek, Holly, Hrsg. (2018): Keywords for Today. A 21st Century Vocabulary. The Key Words Projekt. New York:

Müller, Ernst & Picht, Barbara & Schmieder, Falko, Hrsg. (2024): Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur historischen Semantik in Deutschland. Basel:

Nassehi, Armin 2023): Gesellschaftliche Grundbegriffe. Ein Glossar der öffentlichen Rede. München: Beck.

Ranan, David, Hrsg. (2021): Sprachgewalt. Missbrauchte Wörter und andere politische Kampfbegriffe. Bonn: Dietz-Nachfolge.

Schmidt-Lauber, Brigitta & Liebig, Manuel, Hrsg. (2022): Begriffe der Gegenwart. Ein kulturwissenschaftliches Glossar. Wien/Köln: Bundeszentrale für politische Bildung.

Schmitz-Berning, Cornelia (2007): Vokabular des Nationalsozialismus. Berlin: de Gruyter.

Urban, Hans-Jürgen, Hrsg. (2006): ABC des Neoliberalismus. Von „Agenda 2010“ bis „Zumutbarkeit“. Hamburg: VSA.

Vogel, Friedemann et al., Hrsg. (2024):Glossar zur strategischen Kommunikation I. Siegen: universi.

Vormbusch, Uwe et al. (2025): Glossar der Unsicherheit. Berlin: Neofelis.